Winterkatalog 2017/2018

Leichte Sprache ist ein Begriff aus der Behinderten-Selbsthilfe. Texte in Leichter Sprache werden für Menschen geschrieben, die fast gar nicht lesen können. Dazu gehören zum Beispiel Analphabeten und Menschen mit einer geistigen Behinderung. Leichte Sprache erkennt man an sehr einfachen Worten und ganz kurzen Sätzen. Texte in Leichter Sprache haben Leseniveau A1.

8. September: Weltalphabetisierungstag

8. September: Weltalphabetisierungstag

Tag der Arbeit, Welt-Aids-Tag, Tag der Sekretärin – an vielen Tagen im Jahr wird einer bestimmten Zielgruppe oder einem besonderen Thema gedacht. Der Weltalphabetisierungstag gehört wahrscheinlich zu den weniger bekannten Gedenktagen. Wer auf der Straße nach dem Weltalphabetisierungstag fragt, wird von kaum jemandem zu hören bekommen, dass dieser Zielgruppe am 8. September gedacht wird.

Dass der Weltalphabetisierungstag in Deutschland so unbekannt ist, hat zweifellos auch mit der weitverbreiteten Auffassung zu tun, dass West-Europa ein so gut wie vollständig alphabetisiertes Gebiet ist. Kaum ein Deutscher kann sich vorstellen, dass es auch in unserem Land viele Menschen gibt, die nicht lesen und schreiben können. Es gibt hier doch eine festumschriebene Schulpflicht?

Das stimmt. Dennoch lügen die Zahlen nicht: Rund 7,5 Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Man nennt diese Gruppe „funktionale Analphabeten“: Ihr Leseniveau reicht nicht aus, um in unserer Gesellschaft gut funktionieren zu können. Ein funktionaler Analphabet ist zum Beispiel nicht in der Lage, ein Formular auszufüllen, die Abflugtafel auf dem Flughafen zu entziffern oder die Angebote beim Bäcker zu verstehen.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen funktionalen Analphabeten und Analphabeten. Gerade die Verwirrung über diese beiden Begriffe ist mit schuld daran, dass lese- und schreibschwache Menschen in Deutschland so wenig Unterstützung bekommen. Die Gruppe der Analphabeten – das sind Menschen die keinen einzigen Buchstaben erkennen können – ist in der Tat sehr klein in West-Europa. Dagegen ist die Gruppe der funktionalen Analphabeten – Menschen, die zwar lesen können, aber nur auf einem sehr niedrigen Niveau – relativ groß.

Ist der funktionale Analphabetismus ein Problem in unserem Land? Sicherlich. In erster Linie für die Betroffenen selbst, die in unserer Gesellschaft täglich mit ihrer Lese- und Schreibschwäche konfrontiert werden. Aber auch die Wirtschaft hat darunter zu leiden. Auf dem Arbeitsmarkt wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass Arbeitsnehmer lesen und schreiben können. Das ist essentiell, um am Arbeitsplatz zu funktionieren und seinen Job auch auf Dauer zu behalten. Ein niedriges Schreib- und Leseniveau vermindert die Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Laufbahn gravierend. Das kann bis zum Ausschluss vom Arbeitsprozess führen.

Unsere Gesellschaft steht in der Verantwortung, den oft verkannten funktionalen Analphabetismus in unserer Gesellschaft zu bestreiten: Denn jeder Bürger hat das Recht, vollwertig am Leben in unserer Gesellschaft teilnehmen zu können.

Darum ist es wichtig, den 8. September – Weltalphabetisierungstag – auch in unserem Land Jahr für Jahr zu gedenken. Nicht nur in Entwicklungsländern ist Analphabetismus ein Problem: Schlecht lesende und schreibende Mitbürger gibt es leider auch in unseren Reihen zur Genüge.

Halten Sie deshalb kurz inne am kommenden Freitag beim Weltalphabetisierungstag und schenken Sie dieser gesellschaftlichen Herausforderung Ihre Aufmerksamkeit.

 

Bild: Shutterstock/camilla$$

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